Heiliggeistkirche – 5. Internationaler Kongress für Kirchenmusik | Bern 2015 | 21.-25. Oktober 2015 https://www.kirchenmusikkongress.ch kM15 Thu, 06 Aug 2015 15:22:07 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.7.15 Vesper https://www.kirchenmusikkongress.ch/programm/vesper/ Mon, 16 Mar 2015 20:46:16 +0000 http://www.kirchenmusikkongress.ch/?post_type=event&p=99 Das geistliche Jahr

 

Ensemble Vertigo der Hochschule der Künste Bern
Lennart Dohms Leitung
Pfrn. Barbara Rieder Howald Liturgie

 

Jörg Herchet (*1943)
Aus: Das geistliche Jahr (seit 1973)
Kantate zum 3. Sonntag nach Epiphanias
Komposition für Violine, Violoncello, Klavier, Publikum (2010)

 

«Unbeirrbar wird der einmal gewählte geistliche Weg gegangen, und doch zittern durch diese im Prinzip schlichte Grossform alle Ängste und Leiden unserer Tage; manchmal glaubt man die ‹Unwirtlichkeit unserer Städte› (Mitscherlich) zu spüren, eingeholt von einer bedrohlich-bedrohten Natur. Seismographisch eingefangen, schlägt die ins Werk eingegangene Erfahrung um: sie hilft, eine Wahrheit zu artikulieren, die gebunden ist im Schauen von Gott; Erlösung als ein Hindurchgegangensein.» So schrieb der Organist und Musikwissenschaftler Michael-Christfried Winkler über die «Komposition für Posaune, Bariton und Orchester», die 1980 bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurde. Damit sind Merkmale von Jörg Herchets Musik genannt: Unbeirrbarkeit, menschliche Erfahrung in unserer Zeit; Wahrheits- und Gottessuche.
Es ist nicht so lang her und war nicht so fern, dass Christliches dissident war – in den Staaten des Ostblocks. Und bezeichnend ist ja, dass in der DDR kirchliche Kreise entscheidend zur Wende beitrugen. Eine besondere Position in der ostdeutschen Musikszene nahm damals schon der Komponist Jörg Herchet ein. Viele seiner Stück konnten in Ostdeutschland nicht aufgeführt werden. Der Meisterschüler von Paul Dessau stand mit seiner Musik aber nicht nur ausserhalb des sozialistischen Realismus, sondern auch ausserhalb dessen, was im Westen von der Avantgarde gefordert wurde. Auch da blieb er unbeirrbar, schuf an einem grossen Werk, das weiter wächst und dem grossen Konzertbetrieb fern steht.
In einem Interview sagte er einmal: «Also ich wünschte, dass in aller meiner Arbeit das ‹soli Deo gloria› empfunden wird. Ich unterscheide nicht zwischen geistlichen und weltlichen Werken. Ich würde die Aufgabe des Künstlers, also meine persönliche Aufgabe darin sehen, dass man das Sinnliche durchsichtig macht für das Ewige. Wenn ich ‹religiös› sage, dann denken wahrscheinlich viele Menschen: Aha, das ist also das, was man heute unter fromm versteht. Sie wären entsetzt, wenn sie merken, was ich darunter verstehe. Sie sind`s ja auch oft, wenn sie Musik hören. Für mich ist ‹religio› vor allem Ehrfurcht. Da ich aber mein ganzes Leben nur begreifen kann als einen Weg zu Gott hin – wo ich da stehe, und sicher stehe ich noch sehr fern, das wäre eine andere Frage. Aber vielleicht ist auch das Wichtigste dieses Bemühen, zu Gott zu gehen und ihm näher zu kommen. Ein Bemühen, das von uns aus, von mir aus ohnedies keinen Erfolg hat, das nur dann verwirklicht wird, wenn Gott uns entgegenkommt. Ich würde meine Musik als eine Sehnsucht nach Gott empfinden. Die grössten Werke entstehen, wo in der strengsten Ordnung sich fruchtbarste und erhabenste Freiheit auftut. Bach unterwarf sich der Ordnung des Kontrapunkts sowohl als der Harmonik und gehorchte ihrem doppelt strengen Gesetz: und schuf das freieste Werk. Nach Bach ist es erst wieder Arnold Schönberg, der die Probleme des Kompositionsunterrichts für sich und seine Schüler löst.»
Seit 1973 arbeitet Jörg Herchet an einem grossen ökumenischen Kantatenzyklus mit dem Titel «Das geistliche Jahr». Die Sonn- und Festtage des Kirchenjahrs werden dabei aus unterschiedlichsten Deutungsperspektiven betrachtet. Die Texte, die Jörg Milbradt verfasst, spielen, so der Komponist, auf das jeweilige Evangelium an. «Die Musik der in Form und Besetzung äusserst verschiedenen Kantaten bezieht alle Tonstrukturen auf einen Allintervallakkord.» In diesen Stücken tauchen aber manchmal höchst ungewöhnliche Elemente wie Sirenen, Technomusik oder aktuelle Anspielungen auf. Auch wenn es um die Wahl der Ausdrucksmittel geht, bleibt Jörg Herchet unbeirrbar.

]]>
Mittagsandacht https://www.kirchenmusikkongress.ch/programm/mittagsandacht/ Mon, 16 Mar 2015 20:55:50 +0000 http://www.kirchenmusikkongress.ch/?post_type=event&p=105 Orgelpunkt zum Wochenschluss

 

Marc Fitze Orgel

 

Johann Martin Spiess (1691–1772)
Aus: Musicalischer Kirchen-Schatz (1745)
1. Arpeggio
2. Un poco Allegro – con discretion – Allegro (G-Dur)

Daniel Glaus (*1957)
Echo-Fantasie für Jörg Herchet (1994)

Willy Burkhard (1900–1955)
Fantasie und Choral: Ein feste Burg ist unser Gott op. 58 (1939)

Johann Jakob Mendel (1809–1881)
Klage und Trost. Nachtgesang der Alpen

 

Vier musikalische Epochen treffen in dieser Mittagsandacht aufeinander, gruppiert um das Zentrum Bern, denn alle vier Komponisten sind als Lehrer und/oder Organisten mit der Stadt verbunden.
Fünfundfünfzig Jahre alt war Johann Martin Spiess, gebürtig aus dem kurpfälzischen Bergzabern und «Capellen-Meister in Heidelberg», als er die Stelle als Münsterorganist antrat. Achtzehn Jahre zuvor hatte man ihn schon einmal für eine Visitation nach Bern eingeladen. 26 Jahre versah er das Amt; nach seinem Tod übernahm es sein Sohn Friedrich. Tatsächlich gab es in dieser langen Zeit auch Differenzen. Man rügte, «wie anstössig dem Publico billich falle, dass der gesang nun zu verschiedenen Mahlen durch fehler des Organisten in solche verwirrung gerahten, dass die wenigsten Leüth darin fortfahren können». Man befahl ihm, «dass er ohne Raffinieren die Orgel ganz einfaltig nach bisshero allhier gewonter art also schlage, dass jedermann im gesang fortkommen möge». Ungeachtet dieser Kritik stand der Organist beim Rat in gutem Ansehen. In seiner Sammlung «Musicalischer Kirchen-Schatz: In Hundert und sechs Praeludien, Arien, mancherley Arpeggen, Concerten, Fugen und Variationen bestehend; Zum alljährlich-nützlichen Kirchen-Gebrauch, …,» die noch in Heidelberg erschien, entfaltet er einen stilistisch und formal reichen Strauss und bindet auch manche fremde Blume mit hinein.

Johann Jakob Mendel, der von 1830 an, also mit bereits 21 Jahren als Münsterorganist und Musikdirektor wirkte, stammte aus Darmstadt, hatte in Paris studiert und offenbar sogar schon einiges Renommee als Komponist erlangt. In Bern hat er folgenreich gearbeitet, nicht nur von der Orgel aus, sondern auch als Musiklehrer. Sein Stück «Klage und Trost. Nachtgesang der Alpen» ist eine jener einst so beliebten programmmusikalischen Naturschilderungen, wie sie seit den Orgelkaskaden des Abbé Vogler und der Beethovenschen «Pastorale» so beliebt waren: Das Alphorn ertönt, ein Sturm braust vorbei und alles verfliegt mit einem zarten Echo.

Willy Burkhard, geboren in Leubringen bei Biel, studierte u.a. in Bern und wirkte hier als Chor- und Orchesterdirigent sowie als Theorielehrer am Konservatorium, bevor er nach Zürich übersiedelte. 1939 komponierte er dieses Werk – notabene keine Choralfantasie, sondern eine weite Fantasie und ein fünfstimmiger Choral mit kurzen Zwischenspielen. In diesen ist der Choral bloss noch fragmentarisch zu erkennen im Textabschnitt «Und wenn die Welt voll Teufel wär». Ein deutlicher Hinweis! Ist es nicht bezeichnend, dass einer in jenen politisch unsicheren Zeiten auf die «feste Burg» baute? Jedenfalls scheint ein Kommentar aufschlussreich, den Burkhard 1944 seinem «Gesicht Jesajas» mitgab: «Untergang und Verderben des Ungesunden, Unwahren; Hoffnung auf Abklärung des gegenwärtigen chaotischen Zustandes; Ahnung einer neuen Weltordnung; Friede, Erlösung, Befreiung, Überwindung, jene religiösen Kräfte, die dem geistigen Leben trotz Enttäuschungen und Rückschlägen zu jeder Zeit einen mächtigen Impuls gegeben haben».

Dem ostdeutschen Komponisten Jörg Herchet, den er in Boswil kennenlernte (vgl. Vesper vom Donnerstag), widmete Daniel Glaus seine «Echo-Fantasie» von 1994. Das Stück basiert auf einem sechsstimmigen Akkord, der zusammen mit seiner Spiegelung alle zwölf chromatischen Töne umfasst. Die beiden Akkorde verhalten sich aber auch wie Klang und Echo – was dem Stück den Titel gibt. Aus diesem einen Kern entwickelt Glaus seine Form, die stark von der Stille bzw. der Pause geprägt ist. Er nahm das Stück übrigens kurz darauf als Grundlage für sein Oratorium «Meister Eckhart» für Alt, Bariton, achtstimmigen Doppelchor und 16 Instrumente.

In der Heiliggeistkirche am 24. Oktober im Rahmen der BarockZentrum Konzerte…

]]>