Johann Sonnleitner – 5. Internationaler Kongress für Kirchenmusik | Bern 2015 | 21.-25. Oktober 2015 https://www.kirchenmusikkongress.ch kM15 Mon, 03 Aug 2015 13:13:03 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.7.15 Laudes https://www.kirchenmusikkongress.ch/programm/laudes-3/ Mon, 16 Mar 2015 20:42:56 +0000 http://www.kirchenmusikkongress.ch/?post_type=event&p=96 Meret Roth Sopran
Johann Sonnleitner Viertelton-Orgel

 

Heiner Ruland (*1934)
Das Hohenfrieder Orgelheft (1985)
Sieben kleine Übe-und Spielstücke zu den Wochentagen für die Viertelton-Orgel

Johann Sonnleitner (*1941)
Psalm 121: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen (2009)
für hohe Singstimme und Viertelton-Orgel

 

Im Rahmen der Laudes wird die von Peter Kraul 2008 gebaute Viertelton-Orgel mit Musik in erweiterter Tonalität vorgestellt. Der Orgelbauer aus Herdwangen-Schönach hat sich seit langem schon auf speziell gestimmte Orgeln spezialisiert. Sie ist konzipiert als «Manualwerk» mit Teilung in Bass- und Diskantwerk. Der Spieltisch ist zwischen der Werken. Das Manual reicht von FF bis f3 – mit geteilten Schleifen bei f/fis. Das erweiterte Tonsystem reicht von a bis c3.

Die Disposition:
Manual: Prinzipal 8’, Salizional 8’, Gedackt 8’, Samthorn 8’, Rohrflöte 4’, Oktave 4’, Quinte 2 2/3, Oktavin 2’, Larigot 1 1/3, Mixtur
Pedal: Subbass 16’, Oktavbass 8’, Choralbass 4’ (Transmissionen aus Gedackt, Prinzipal, Oktave und Oktavin)
Koppel: Man.8’/Ped., Man.16’/Ped., eine mechanische Setzerkombination, Winddruckregulierung.

Die Christengemeinschaft wirkt seit ihrer Gründung 1922 für eine Erneuerung des christlichen Lebens. Im Zusammenhang mit dem erneuerten Kultus pflegt sie vielfältige künstlerische Aufgabenfelder, z.B. Architektur, Plastik, Malerei und Musik. In einigen ihrer Kirchen (Zürich, Basel, Bern, Hamburg-Blankenese) stehen neu entwickelte Orgeln mit 24 Tönen pro Oktave für die neue Musik in erweiterter Tonalität.

Mit erweiterter Tonalität ist die Einbeziehung von Intervallen aus der Naturtonreihe (Obertonreihe) und ihrer Spiegelform («Untertonreihe») gemeint. Es handelt sich um die Naturseptime 4/7, die Naturquart (Alphorn-Fa) 8/11 und der Natursext 8/13, wie sie in der «Alphornskala» vorkommen und um deren gespiegelte Formen, die aus der Volksmusik Südosteuropas bekannt sind. Diese Intervalle erklingen allerdings nicht in mathematisch exakter Naturreinheit, sondern in einer sanft temperierten Intonation. Analog zum üblichen temperierten Quintenzirkel wird ein Zirkel aus minimal temperierten 24 Naturquarten 8/11 gestimmt, der das Spiel der Naturtonskalen in allen Tonarten sowie die enharmonische Umwandlung aller Töne erlaubt. Die Zwischentasten für das erweiterte Tonsystem sind über einen Fusstritt einschaltbar.
Bei «erweiterter Tonalität» handelt es sich, wie ihre Vertreter betonen, nicht um eine «Vierteltonmusik». (vgl. http://www.erweiterte-tonalitaet.ch) Bei mikrotonalen Bestrebungen, bei denen der Halbton in Viertel-, Fünftel-, Sechstel-oder Zwölfteltöne aufgesplittert wird, wird die Erweiterung des Tonsystems als gesteigerte Expressivität verstanden, bei der Musik in erweiterter Tonalität geht es um das objektive Erlauschen von Urintervallen, die einerseits in der Gesetzmässigkeit der physikalischen Naturtonreihe veranlagt sind, andererseits das Geheimnis der seelisch-geistigen Entwicklung des Menschen in sich bergen. Dazu scheint es ein Widerspruch zu sein, die Klaviatur auf einer Viertelton-Orgel in 24 Vierteltontasten pro Oktave zu unterteilen. In der Praxis jedoch hat sich diese Aufteilung bewährt: als ein «Raster», der fein genug ist, einerseits die Intervallqualitäten (Naturquart, -sext und -septim) auch in sanft temperierter Form zu erkennen und andererseits auch enharmonisch verwandelbar zu machen.
Im Rahmen der Laudes erklingt «Das Hohenfrieder Orgelheft», eine 1985 für die Viertelton-Orgel komponierte Sammlung von sieben kleinen Übe-und Spielstücken zu den Wochentagen. Der deutsche Komponist, Musikpädagoge und Musiktherapeut Heiner Ruland, einer der Protagonisten der erweiterten Tonalität, hat ausgehend von den Forschungen Kathleen Schlesingers und den Anregungen Rudolf Steiners eine intensive musikalisch-anthroposophische Forschungsarbeit entfaltet. In seinem Hauptwerk «Ein Weg zur Erweiterung des Tonerlebens. Musikalische Tonkunde am Monochord» (1981) strebte er an, einen Leitfaden durch den Wirrwarr des tonsystemlichen Chaos zu geben.
Die sieben Stücke sind den sieben alten astrologischen Planeten zugeordnet und vom Charakter her klar umrissen:

Sonntag           Sonne       strahlend, froh
Montag            Mond        träumend, raunend
Dienstag          Mars          zupackend, eigenwillig
Mittwoch         Merkur     beflügelt, leuchtend
Donnerstag     Jupiter     gemessen, schreitend
Freitag              Venus       wiegend, singend
Samstag           Saturn      lastend, zögernd

Johann Sonnleitner, der sich ebenfalls intensiv mit erweiterter Tonalität beschäftigt, komponierte seine Psalmvertonung «Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen» 2009 für hohe Singstimme und Viertelton-Orgel. (Vgl. auch den Text zu den Laudes an St. Peter und Paul am Samstag, 24. Oktober, 8 Uhr) Link.

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Laudes https://www.kirchenmusikkongress.ch/programm/laudes-9/ Mon, 16 Mar 2015 20:59:38 +0000 http://www.kirchenmusikkongress.ch/?post_type=event&p=109 Laudes II
Die Morgenandacht nach christkatholischem Ritus erklingt in einer Neuvertonung von Johann Sonnleitner.

 

Christkatholischer Kirchenchor Bern
Anna Barbara Dütschler Bratsche
Johann Sonnleitner Orgel
Helene Ringgenberg Leitung

 

Laudes II (sog. Kathedralritus)

Johann Sonnleitner (*1941)
Uraufführung

Eröffnung

Gesang zum Anbruch des Tages
Morgenpsalm (Psalm 63)
Lobpsalm (Psalm 103)

Wortgottesdienst:

Lesung
(in der Regel Evangelium der Auferstehung)
Halleluja

Neutestamentliches Canticum
(Lobgesang des Zacharias)

Bitten
Vaterunser
Fürbitten
Wasserritus (Heiligung des Tagwerkes)
Gloria

Abschluss

 

Eine neue Laudes-Vertonung in erweiterter Tonalität
Der Morgengottesdienst, auch Laudes genannt, wird in der christkatholischen Kirche in zwei unterschiedlichen Formen gefeiert. Die erste Form ist deutlich von Traditionen des Mönchtums geprägt, was sich vor allem an der starken Verwendung biblischer Psalmen und am einheitlich gregorianischen Stil zeigt, d. h. die Melodien werden einstimmig, in freiem Rhythmus und mit einer Melodiebildung gemäss den sogenannten Kirchentonarten gesungen. Solche Melodien strahlen eine «lilienhafte Reinheit» und Objektivität aus. Das hat seinen Grund im verwendeten Tonsystem. Dieses besteht aus einer Kette von reinen Quinten, was der Melodik einen schwebenden, strebenden Charakter mit wenig «Erdung» verleiht.
Die zweite Form der Laudes lehnt sich ein Stück weit an die frühchristlichen Gemeindegottesdienste unter der Leitung des Bischofs an. Im Blick auf das Sonnenlicht des angebrochenen Tages wird Gott als der Schöpfer des Lichtes gepriesen. Diese zweite Form ist auch geprägt durch so sinnfällige Handlungen wie einen Wasserritus zur Aufnahme der täglichen Arbeit. Dieser folgt dem Wortgottesdienst mit Evangelien-Lesung von der Auferstehung Christi und dem Gloria. Im Gegensatz zur einstimmigen mittelalterlichen Form kommt die zweite Form in verschiedenen, der Zeit angepassten Stilen vor.
Je näher nämlich die Menschen an die Neuzeit heranrückten, desto mehr entwickelten sie einen Sinn für das Intervall der Terz – und damit verbunden ein Gefühl und Bedürfnis nach Dreiklängen und Harmonien. Das gibt der Musik mehr «Erdung» und menschliche Wärme.
Der Blick in die Musikgeschichte und Musikethnologie zeigt: Mit dem Wandel des Bewusstsein und des Lebensgefühls ändert sich auch das jeweilige Tonsystem der Menschen. Der sich in unserer Zeit anbahnende Bewusstseinswandel vieler Menschen bringt ein neues differenzierteres Tonempfinden mit sich. Die Frage ist: Welches Tonsystem entspricht unserem sich wandelnden Bewusstsein? Welche Töne entsprechen unserem sich verändernden Verhältnis zur Natur?
In dieser Situation hilft eine Beschäftigung mit Tönen, die in der Naturtonreihe, dieser wahren «Schatztruhe der Natur» aufbewahrt sind. In der uralten Schweizer Alphornmusik leben gewisse Intervalle, die in der Kunstmusik tabu sind: z.B. das Alphorn-Fa und die Natur-Septim. Sie liegen ausserhalb unseres herkömmlichen Tonsystems. Durch die behutsame Einbeziehung solcher zunächst ungewohnter Zwischentöne erfährt unsere Tonwelt eine Belebung, seelische Bereicherung und Vertiefung. Solche «Musik in erweiterter Tonalität» kann auch von sogenannt einfachen Musikliebhabern gut nachvollzogen werden. Sie brauchen dazu keinerlei musikalische Fachbildung, sondern nur ein offenes Ohr und Herz. So kann vielleicht mit dem Anbruch eines neuen Tages mit den uralt-neuen Intervallqualitäten auch in unserem Inneren ein neues Licht aufleuchten.
Mit der Neu-Vertonung der Laudes in erweiterter Tonalität für Gemeindechor, Viola und Orgel wird die Reihe bereits vorhandener Auftrags-Kompositionen für die Christkatholische Kirche fortgesetzt. Bisher liegen u.a. vor: die Vesper «An der Schwelle des Abends», ein «Magnificat», ein «Lichtgesang» und eine Passionsmusik «Die sieben Worte des Gekreuzigten».
Johann Sonnleitner

(Zum Ablauf der Laudes und diversen Texten vgl. Laudes in der Kirche St. Peter und Paul, Donnerstag um 6.30 Uhr Link. Zur Mikrotonalität vgl. jene von Donnerstag, in der Christengemeinschaft Link).

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